Allgemein

Was macht dich wütend?

eine Bildergeschichte.

„Man kann ja sagen, was man will. Aber diese Dürre beschert uns ein fantastisches Wetter für das Wochenende!“ Vanessa ließ das Fenster herunter und frische Waldluft strömte in das Wohnmobil. Tyler nippte an seinem Kaffee. Es war Freitag Mittag, vor der Rushhour, die Straßen lagen wir leer gefegt vor ihnen da und in der Kühlbox wartete ein saftiges Steak auf den BBQ. Dazu scheint, wie Vanessa bemerkt hatte, die Frühlingssonne. Tyler seufzte zufrieden – es versprach, ein gutes Wochenende zu werden. „Nur noch fünf Meilen!“, sang er und trommelte mit den Fingerkuppen auf das Lenkrad. Valerie, ihre bildschöne Tochter, grinste und flüsterte ihrem Freund, der zum Leidwesen Tylers mitgekommen war, etwas ins Ohr. Daraufhin kicherte er blöde, verstummte aber sofort, als er Tylers Blick im Rückspiegel einfing. Vanessa hatte ihn spontan eingeladen, ohne ihren Mann auch nur nach seiner Meinung zu bitten. Und dann hatte er noch so einen bescheuerten Namen, Melvin.
Gegenüber von Valerie saßen die Zwillinge, Jeffrey und Tyler Jr und reckten aufgeregt ihre Hälse. „Mom, wo ist der Campingplatz?“ fragte der eine. „Ja, wo, wo ist er denn? Ich muss so dringend!“, stöhnte der andere. „Ruhe jetzt!“, rief Tyler nach hinten, bevor Vanessa etwas entgegnen konnte. Sie sah ihn mit diesem Blick an, den er nur ungefähr deuten konnte, sagt aber nichts. Irgendwas gefiel ihr wieder nicht. Aber wenn sie nichts sagt, dann eben nicht, fuhr es Tyler durch den Kopf, sagte aber laut und bemüht um einen versöhnlichen Ton:“Dort vorn ist der Eingang zum Park, dann sind’s noch 10 Minuten, hälst du das durch, Jeff?“ Eine kleinlaute Zustimmung vom Rücksitz stimmte ihn froh. „Das ist mein Junge!“

Vanessa griff plötzlich in Tylers Oberschenkel. „Stopp, halt mal an!“, rief sie vor Entzückung. „Ein WC?“, fragt Jeff hoffnungsvoll. „Nein, besser. Hör mal auf zu nölen und komm raus, Jeff!“ Tyler Jr. zerrte seinen Bruder am Arm ins Freie. Das Wohnmobil parkte auf einem Standstreifen neben einer großen und weiten Wiese. Dahinter erstreckte sich Nadelwald, so dicht, wie Jeff ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Doch über dem Wald und das registrierte er erst jetzt, weil er nach wie vor auf seine volle Blase konzentriert gewesen war, stürzte sich über mehrere hundert Fuß hoch tosendes Wasser in die Tiefe.
„Da kann man hinlaufen,“ sagte seine Mutter  begeistert mit einem Blick auf die Karte. „Eddie will dort auch hin, vielleicht treffen wir sie da.“ Eddie war Vanessas Cousine. Durch ein zufälliges Telefonat hatten sie erfahren, dass sie am selben Wochenende zu den großen Wasserfällen von Kalifornien fahren würden.
„Lass uns erst einmal das Wohnmobil abstellen, dann machen wir uns auf den Weg zum Wasserfall,“ schlug Tyler vor. „Zu Fuß?“ Valerie verzog das Gesicht. „Nein, soweit ich das sehe, gibt es ganz in der Nähe einen Parkplatz,“ wirft Vanessa schnell ein.

Eine Stunde später trug Tyler den Picknick-Korb den Weg zum Wasserfall hinauf. Die Zwillinge tollten zwischen den Bäumen abseits des asphaltierten Wanderwegs herum und nahmen von Vanessas Rufen, bitte auf sich aufzupassen nur notgedrungen Kenntnis. Valerie und Melvin liefen in sicherer Hörweite voraus.
Am unteren Becken des Wasserfalls angekommen fielen sich Eddie und Vanessa in die Arme und ließen sich zugleich auf einer Bank nieder, völlig ins Gespräch vertieft. Um sie herum kreischten Kinder, schimpften Erwachsene und schoben sich die Menschenmassen mit Kinder- und Picknickwagen vorbei, aber sie nahmen davon keine Notiz. Frauen. Nach kurzem Zuruf verschwanden Valerie plus Freund zwischen den großen Felsen, die viele andere Kinder als Spielplatz nutzten. Dort würden sie wohl keine Dummheiten anstellen …
Tyler hingegen schnappte sich die Zwillinge und sein iPad und kletterte seinerseits auf den Steinen des Flusses hinauf zum Wasserfall. Feine Wassertropfen benetzten sein Gesicht, aber er kümmerte sich nicht darum. Die Stromschnellen unter ihm zogen nur ein paar inch unter ihm hinweg – Tyler spürte erfreut den aufsteigenden Nervenkitzel.
„Dad, Dad, fängst du mich?“, fragte Tyler Jr an einer Stelle, an der die Steine besonders weit auseinander standen. „Mich auch!“, ruft Jeff sogleich. „Klar, wenn ihr springt,“ antwortete Tyler grinsend. Sie sprangen gleichzeitig in seine ausgebreiteten Arme und nur Tyler Jrs Fußspitze wurde nass. „Stellt euch mal dort hin,“ rief Tyler gegen den tosenden Lärm von Wasser und Menschenstimmen an. Er deutete auf einen größeren, spitz aufragenden Felsen hinter ihm und hebt das iPad hoch. Die Jungen verstanden, sprangen voran und stellten sich in Positur. Tyler wartete einen Moment, bis der Hintergrund frei von ungebetenen Fotomotiven war und drückt mehrmals auf den Touchscreen. Die Zwillinge fanden Spaß daran, fotographiert zu werden, drehten sich ein paar mal nach links, mal nach rechts, schnitten Grimassen. Tyler fotographierte lachend eine komische Pose nach der anderen, bis ihn plötzlich eine unerwartete Windböe erwischte. Er strauchelte, suchte Halt an einem Felsen hinter ihm, doch es war zu spät. Eine starke Hand packte seinen rechten Arm und bewahrte ihn davor, komplett ins Wasser zu fallen. Schwer atmend zog ihn ein Mann mitte fünfzig wieder auf die Beine. Tyler sah die Besorgnis in seinem Blick und bedankte sich schnell. „Keine Ursache, Mann. Ich glaub‘ nur, dein iPad ist Baden gegangen.“ Erst jetzt bemerkte Tyler seine leeren Hände und die erschrockenen Gesichter seiner Söhne.

„Domingos Cousin kann dir ein neues iPad besorgen, Tyler. Für dich macht er sicher einen Freundschaftspreis.“ Eddie zündete sich eine Zigarette an. Jeff und Tyler Jr spielten mit den anderen Kindern auf den Felsen Verstecken. Nur Vanessas Geistesgegenwärtigkeit, die Kinder sofort zum Spielen wegzuschicken und Tyler gut zuzuredn war es zu verdanken, dass Tyler keinen mittelschweren Wutanfall erlitt. Statt dessen saß er zwischen den Frauen auf der Bank und verzog mürrisch das Gesicht. „Das wäre nett, wenn du Domingo fragen könntest. Ich mache das dann bei der nächsten Gelegenheit wieder wett,“ antwortete er düster. „Klar,“ sagte Eddie. „Ming will den Toyota zum Camper ausbauen. Wahrscheinlich kann er da deine Hilfe gut gebrauchen.“ „Immer gerne.“ Tyler drehte das iPhone in seiner Hand.
Zum Glück hatte er das bei seinem Sturz nicht in der Tasche gehabt. „Damit kannst du ja auch Fotos machen. WiFi geht ja damit sowieso,“ sagte Vanessa schnell. Tyler schaute den anderen Leuten zu, die über die Steine der Aussichtsplattform auf den Wasserfall zukletterten. Die Menschen tummelten sich direkt vor dem Wasserfall, oder blieben in sicherer Entfernung hinter den Steinen zurück. Vielleicht sollte er das das nächste Mal auch lieber tun. Für die Natur war es eh besser, hatte er einen neunmalklugen Kerl sagen hören.
Und keiner von ihnen war so ein Idiot wie er und hielt sein Tablet dabei in der Hand, wenn er der Gefahr näher sein wollte als alle anderen. Tyler seufzte und biss in den Muffin, den Vanessa ihm hinhielt.

Tyler vor seinem Sturz mit iPad.
Tyler vor seinem Sturz mit iPad.
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