Fragen, Veränderung, Yoga

Wieso gilt Yoga als Allheilmittel wenn es mich frustriert?

Sonntag, den 5. April,
in Calistoga, California

Ich war zweifelsohne nicht besonders gut gelaunt. Warum ist nicht weiter relevant, um das Fragewort „Warum“ geht es heute nicht.
Zwei Wochen lang hatte ich im groben Zwei-Tagesrhythmus eine Art Yoga geübt, von der ich mir erhoffte, sie würde eines Tages tatsächlich dem Kundalini-Yoga, das ich während der Yoga-Class erlebt hatte, ähnlich werden. Zwischenzeitlich bleibt nicht viel Zeit, oder ich sitze im Auto und habe nicht viel Bewegungsfreiheit – oder es fühlt sich nicht danach an, jetzt, in diesem Moment Yoga zu machen und gar Mantras zu singen. Dann habe ich Angst vor diesem Yoga, das von sämtlichen Erfahrungsberichten in den Himmel gelobt wird, weil es mich hingegen frustriert.

Ich sitze in einem Rosen-Garten, über mir strahlt der blaue Himmel und in meinem Kopf arbeitet es.
Natürlich stelle ich mir Fragen; wie ging diese und jene Übung noch einmal? Hält man die Hand so, oder so? Und wann sind sechs Minuten vorbei? Wie beende ich eigentlich gleich meine Yoga-Übungen? Mit Meditation oder einem Sprung unter die kalte Dusche? Ob ich wohl jemals einen Handstand minutenlang aushalten kann? Ach ja, und wann kommt der alles beendende Frieden?
Das macht keinen Spaß. Moni hat mich, als wir in Los Angeles waren, nicht nur beraten, was ein gutes Yoga-Studio angeht und Erfahrungen mit mir geteilt sondern auch ein Buch (http://threeminstart.com/products/three-min-start-book/) mit drei-minütigen Übungen darin geschenkt.  Es beendet jede Übung damit, jeden Muskel im Körper noch einmal anzuspannen und zu entspannen (im Englischen fasst man diesen komischen Satz zusammen unter „squeeze your whole body“. Mir gefällt die Sprache immer besser).
Und dann kommt der abschließende Satz: enjoy the effect. Gespürt habe ich davon nichts.

Yoga bedeutet Arbeit an sich selbst
Was ich zunächst bemerkt gespürt habe, ist, dass Yoga, nimmt man es einmal ernst, weder ein esoterisches Blabla noch etwas, das leichtfertig zu behandeln ist. Ich gestehe, dass es esoterisch werden kann. Es kommt ganz darauf an, auf was man sich einlassen kann und was nicht. Ich kann mich beispielsweise nicht damit anfreunden, dass diverse Umstände und Ereignisse auf Erden auf Planetenkonstellationen zurück zu führen sind, wie es die Yoga-Lehrerin in meiner ersten Yoga-Klasse zu erklären versuchte.
Das ist ja das „vermeintlich“ Gute im Yoga; Es ist egal, aus welchem Grund du Yoga machst – Schaden kannst du damit allerdings nicht anrichten. (Dir selbst vielleicht, wenn du die Asanas nicht richtig machst.)

Bis zu dem benannten Sonntag
… hatte ich an dieser vielgelesenen Behauptung so meine Zweifel. Ich hatte keine Lust auf irgendwas, draußen herrschten keine angenehmen, sonst so bekannten kalifornischen Temperaturen mehr und es wollte sich nichts anbieten. Manchmal hat man einfach solche Tage. Und bevor mir der Himmel auf den Kopf fiel, drängte sich in mir der Gedanke an die Oberfläche, der sonst die umherschwirrenden Fragen produziert, jetzt aber kraftvoll und gebündelt zu mir sprach: Heb deine Arme bis ca 60°, spreize deine Finger. Danach geht’s dir besser, glaub mir. Eigentlich war es kein Gedanke, es war ein Drang, ein intuitives Bewusstsein dafür, wie ich die aktuelle Befindlichkeit heilen kann.

Ich hob also die Arme. Empfang die Anspannung, hielt stand, für eine unbestimmte Zeit. Nachdem ich die Arme wieder gesenkt hatte, umschloss ich mit derselben intuitiven Entschlossenheit die Faust meiner linken Hand mit den Fingern meiner rechten. Die Daumen zeigten nach oben. Mit den Augen halb geschlossen fixierte ich meinen Blick auf die Daumen, hob die Arme nur leicht vor meinen Oberkörper.

In mir öffnete sich ein Tor und dahinter lauerten viele Worte, die in einer Gewalt aus mir heraussprudelten, dass mir der arme Janis im Nachhinein leid tut. Man könnte in Yoga sagen ich hätte ein Energiefeld aktiviert – das glaube ich nämlich was es war. Auf der anderen Seite habe ich durch Üben, Arbeiten und Durchhalten ein Etappenziel erreicht. Und um dieses Gefühl dreht sich wohl das große Ganze und noch viel mehr!

Nach dem Rausch
Ich verstehe immer noch nicht, warum einige Leute nur Positives über Yoga berichten und nicht gestehen, dass es nicht nur Spaß und Erleuchtung ist. In Yoga-Zeitschriften liest man jedenfalls selten etwas anderes. In dem aktuellen Yoga Digest Magazine (www.yogadigest.com) gibt es einen Artikel, in dem Yoga kritisch betrachtet wird. Der Interview-Partner ist Yoga-Lehrer und Autor des vielfach gefeierten Memoirs „Waken“; Matthew Sanford. Die groben Züge seiner Geschichte sind berührend, tragisch und gleichen einer Wundergeschichte – und darauf steh ich total.
Er fasst die scheinbare Grenzenlosigkeit von Yoga zusammen und zeigt eben diese Grenzen mit einer Art auf, die gleichermaßen positive (Wunder)wirkungen nicht ausklammert.
Meine Suche nach Balance und der Möglichkeit, selbst dafür zu sorgen wird gleichermaßen beantwortet wie die wahrscheinlich deutsche Skepsis bezüglich irgendeiner Unfehlbarkeit und Grenzenlosigkeit.
Andererseits darf man tatsächlich einfach so an sich glauben! Ohne Grund und Hass.

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